Gedanken zu Corona/SarsCoV2/Covid19 I: Geworfensein oder Getragensein

März 27, 2020 at 7:28 pm Hinterlasse einen Kommentar

Ich kann mich nicht erinnern, daß jemals ein Thema die Nachrichten, die Medien, die Gedanken, die Gespräche so dominiert hat wie zur Zeit „Corona“ (wie die Situation um das Virus SarsCoV2 und die von ihm ausgelöste Krankheit Covid19 vereinfacht genannt wird).

Und wohl nichts anderes hat seit vielen Jahren das Leben der Gesellschaft und auch der einzelnen Menschen, und auch das kirchlichen und gemeindliche Leben, so sehr geprägt, wie die Maßnahmen, die die Zahl der SarsCov2-Infizierten und der Covid19-Erkrankten möglichst niedrig halten sollen.
Kontaktbeschränkungen und physisches Abstand-Halten; Schließung von Geschäften, Restaurants, und auch Kirchen; der dringende Rat, zu Hause zu bleiben, wenn es irgendwie möglich ist.
Nachdem viele Menschen – wie auch ich – die Dramatik der Krankheit zunächst unterschätzt hatten, sehen jetzt die Allermeisten ein, daß diese Maßnahmen sinnvoll und notwendig sind.

Corona, SarsCoV2, Covid19 – was macht das mit uns? Nicht nur körperlich. Welche gesundheitlichen Kompliktionen es hervorrufen kann, ist in den Medien reichlich zu erfahren.

Aber was macht es seelisch mit uns?
Wir empfinden Unsicherheit. Ungewissheit – wie wird dies sich weiterentwickeln? Es gibt Theorien, daß sich ‚über kurz und lang‘ 2/3 der Bevölkerung infizieren werden. Andere Meinungen sagen – hoffen – daß nicht zuletzt durch die oben genannten Maßnahmen die Verbreitung der Infektionen geringer gehalten werden kann.
Und die Mortalität bei den Erkrankten – wie sieht sie aus? Wie wird sie aussehen? Selbst wenn sie ’nur‘ 1% der Infizierten beträgt – wenn man dies auf die in einigen Szenarien prognostizierte Zahl von 2/3 der Bevölkerung überträgt…. Ich höre lieber auf.

Ja, wir empfinden Unsicherheit und Ungewissheit. Etwas. das Menschen nicht mögen.
Wir machen uns Sorgen. Wir haben Angst.
Unsicherheit, Ungewissheit, Sorgen und Angst. Um unsere Gesundheit, die durch SarsCov2 und Covid19 bedroht ist. Um die Gesundheit anderer. Um die Gesundheit uns nahestehender Menschen und diejenige von Menschen, die uns unbekannt und fern sind, aber im Reich Gottes doch unsere Nächsten.
Dazu kommt die Frage, was gesellschaftlich, auch wirtschaftlich kommen wird. Nicht nur für Freiberufler. Auch Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, Unternehmerinnen und Unternehmer, wohl alle kennen diese Sorgen.

Sorge und Angst. Um die Gesundheit. Um unsere wirtschaftliche Situation.

Einer der bedeutendsten Philosophen des 20. Jahrhunderts war (trotz seiner fragwürdigen Haltung zur Zeit des Nationalsozialismus) Martin Heidegger.
Ich maße mir nicht an, das komplexe Denken des grossen Existentialisten Heidegger zu verstehen. Allenfalls in Ansätzen.

Aber ein Begriff seiner Philosophie hat mich immer beschäftigt. Er spricht von „Geworfenheit“. Vom „ungefragt in die Welt geworfen (zu) sein““. Willkürlich, undurchschaubar, und letztlich ohne Halt. Wie ich diese Begrifflichkeit verstehe, drückt sie so etwas aus wie ‚als ein Blatt im Wind machtlos getrieben zu werden‘. Wir haben dann zwar die Möglichkeit des Versuchs, unser Leben zu gestalten, vielleicht sogar die Verpflichtung.
Erleben aber immer wieder – und jetzt zitiere ich Henning Luther, einen Theologen des 20. Jahrhunderts – die „Fragmentarität“ des Lebens, das „Leben als Fragment“. Wir sind Situationen ausgesetzt, die wir nicht beeinflussen oder gar bestimmen können.
Gerade das macht die Existenz von uns Menschen aus.

Dieses ‚Geworfensein‘, diese „Fragmentarität“, erleben wir in der augenblicklichen Situation besonders existentiell. Eine grosse Unsicherheit und Ungewissheit. und Sorgen und Angst.

Und, um es ganz klar zu sagen: Auch als Christinnen und Christen können – und dürfen – wir Angst haben! Denn wir sind eben „fragmentarisch“.
Ich jedenfalls bekenne mich zu meinen Sorgen und Ängsten. Die ich habe, nicht nur in der SarsCov2-Krise, sondern immer wieder einmal, in unterschiedlichsten Situationen. Aber jetzt auch. Um meine Gesundheit (ich denke, daß ich wohl zu einer Risikogruppe gehöre – nicht mehr gaaaanz jung, und durch meinen Thorax-Magen habe ich eine Lunge, die, obwohl sie ansonsten funktioniert, nicht den normalen Raum zur Ausdehnung im Brustraum findet); und auch um meine wirtschaftlich-finanzielle Sicherung.

Aber!!: Als Christinnen und Christen dürfen wir auch wissen, daß wir in all unserer Fragmentarität eben nicht ‚geworfen‘ sind in die Welt und in ein Leben, das von einem willkürlichem ‚Schicksal‘ geprägt ist. Wir dürfen wissen, daß wir Geschöpfe sind, Geschöpfe Gottes. Des Gottes, der uns unendlich liebt! Wir sind nicht „ungefragt in die Welt geworfen“, sondern es gilt: „Du, Gott hast meine Nieren bereitet und hast mich gebildet im Mutterleib. Ich danke dir dafür, daß ich wunderbar gemacht bin; wunderbar sind deine Werke, und das erkennt meine Seele wohl. Es war dir mein Gebein nicht verborgen, da ich im Verborgenen gemacht ward, da ich gebildet ward unten in der Erde. Deine Augen sahen mich, da ich noch unbereitet war, und alle Tage waren auf dein Buch geschrieben, die noch werden sollten, als derselben keiner da war. (Psalm 139, 13-16)“.

Wir dürfen diese ‚verzweifelte Hoffnung‘ haben, daß wir Gottes Geschöpfe sind, daß wir sogar seine Kinder sind, daß er unsere Fragmentarität ausgleicht durch sich selber. Daß er dies getan hat auf Golgatha und durch das leere Grab. Daß wir sein sind, daß er uns „unendlich sanft in seinen Händen hält“ (Rainer Maria Rilke).

Selbst Heidegger, der kein Glaubender war, sondern wohl Agnostiker, hat als schon alter Mann in einem Interview gesagt: „Nur in Gott kann uns noch retten“.

Ob und wie Gott uns – uns als Gesellschaft und uns als Einzelne – aus der Sars-CoV-2 und Covid19 rettet, werden wir sehen.
Aber wir dürfen wissen, er hat uns endgültig gerettet, auch über unsere fragmentarische irdische Existenz hinaus. Indem er in Jesus Christus selbst unsere Fragmentarität auf sich genommen und ans Kreuz getragen hat. Und damit – gerade auch in Leid und Tod – unsere Fragmentarität ergänzt durch seinen Heiligen Geist.

Das ist unsere Hoffnung – unsere einzige Hoffnung: Wir sind getragen und nicht ‚geworfen‘.

Mögen wir das erleben, gerade in diesen Zeiten.

Michael Voss, Präses Evangelische Allianz Niederrhein-Ruhr-Südems

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