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Gedanken zu Corona/SarsCoV2/Covid19 IV: 09. April

Gedanken zu Corona/SarsCoV2/Covid19 IV: 09. April
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09. April 2020.

In meinen Kalendern steht „Gründonnerstag“.

Auf dem Predigtplan im Gemeindebrief der Evangelischen Kirchengemeinde Elberfeld-Südstadt steht für heute, 19.00 Uhr, ‚gesamtgemeindlicher Gottesdienst in der Johanneskirche‘.
Auch für die kommenden Tage, Karfreitag, Osternacht, Ostersonntag, Ostermontag sind dort die vorgesehenen Gottesdienste in Christuskirche und Johanneskirche zu finden.

Und in den anderen Gemeinden ist es wohl ebenso.

Die Kar- und Osterzeit. Der geistliche Höhepunkt des Jahres, die Tage des besonderen Gedenkens an das letzte Mal Jesu mit seinen Freunden, an Jesu Kreuzigung und Tod, und an Seine Auferstehung. Wir wollten diese Tage, wie wir es gewohnt sind, mit Gottesdiensten feiern in unseren Kirchen und Gemeinden, im Singen. Loben, Hören auf das Wort Gottes und auch gemeinsamem Feiern des Abendmahls.

Aber in diesem Jahr ist dies so nicht möglich.
Gottesdienste jedenfalls in der üblichen Form können nicht stattfinden.
Und, um dies klar zu sagen, es ist für mich nicht nachvollziehbar und sinnvoll, wenn Einige nun versucht haben, mit Verfassungsklagen das Abhalten-Können von Gottesdiensten zu erzwingen.
So schwer es uns fällt, uns nicht in unseren Gemeindegebäuden zum Gottesdienst versammeln zu können – es ist aus meiner Sicht ein Akt der Vernunft und der Nächstenliebe. Gilt es doch, die weitere Ausbreitung des Virus SarsCoV2 nach Kräften einzudämmen und zu verhindern, daß Menschen an Covid19 erkranken.

Dennoch ist es nicht leicht, gerade an diesen jetzigen Tagen, zumindest körperlich von den Geschwistern in unseren Kirchen und Gemeinden getrennt zu sein.

Aber nicht nur das fällt vielen Menschen schwer. „Stay at home“, also das Zuhause-Bleiben, wenn es keinen triftigen Grund zum Verlassen des Hauses gibt, oder gar in häuslicher Quarantäne zu sein, ist für nicht wenige Menschen eine Herausforderung. Ganz besonders gilt dies für diejenigen, die in Seniorenheimen oder Pflegeeinrichtungen leben und etwa auf kleine Ausflüge (die vielen ja noch möglich sind), aber auch auf Besuche und Kontakte verzichten müssen.

09. April.

Bei allen Einschränkungen und Widrigkeiten, die Menschen in diesem Jahr auf Grund von SarsCoV2 und den dagegen eingeleiteten Maßnahmen erfahren müssen, gehen meine Gedanken heute 75 Jahre zurück. Ich, wie die meisten Empfängerinnen und Empfänger dieser Gedanken, waren damals noch nicht auf dieser Welt.
Und ich bin, ehrlich gesagt, froh, daß ich nicht im April 1945 gelebt habe. Es war eine schreckliche Zeit, unendlich viel schrecklicher, als es die jetzige Gefährdung durch Sars ist.
Die letzten Wochen des 2. Weltkriegs. Kämpfe, Angriffe, Zerstörung. Und immer noch, bzw. verstärkt, der im wahrsten Sinne des Wortes unfassbare Wahn und Menschenhass derjenigen, die diesen Krieg und ausgelöst hatten und viele Millionen Menschen aus schlimmstem ‚Rassen’denken und Antisemitismus töteten.

09. April 1945. Der Todestag sicherlich vieler Menschen. Darunter diese beiden:

Auguste van Pels. Sie war eine der acht Personen, alle jüdische Menschen, die sich 1942 in Amsterdam vor den Mordschergen der Nationalsozialisten in einem Hinterhaus an der Prinsengracht versteckt hatten. Die bekannteste dieser Personen ist Anne Frank. Anne Frank, ihre Eltern Otto und Edith und ihre Schwester Margot, Auguste van Pels (in Anne Franks Tagebuch „Petronella van Daan“ genannt) mit ihrem Mann Hermann und ihrem Sohn Peter, sowie Fritz Pfeffer (im Tagebuch „Albert Dussel“).

Über zwei Jahre haben diese Menschen im Versteck leben müssen. ‚Quarantäne‘ in Extremform. Anne Frank schreibt in ihrem Tagebuch von den schwierigen Umständen, in denen die acht Personen auf engstem Raum (ca. 50 qm) leben mussten. Keine Möglichkeiten hatten, das Haus zu verlassen, das hätte sie leicht in die Hände der Faschisten fallen lassen können. Dazu die ständige Angst, entdeckt und getötet zu werden.

Wie vergleichsweise einfach ist es da doch, im Vergleich zu der Situation der Franks, van Pels und Pfeffers, wenn wir heute mehr zu Hause sein müssen als sonst! Wenn wir auf das eine oder andere Treffen, oder auch Veranstaltungen, und eben auch gewohntes gottesdienstliches Leben verzichten müssen. Dennoch haben wir ein recht komfortables Leben auch in unseren Häusern, müssen nicht in ständiger Todesangst leben (denn was ist die sicherlich bestehende Gefährdung durch Covid19 gegen die fanatische Bedrohung der antisemitischen Nazis)!

Am 04. August 1944 wurden die acht im der Prinsengracht versteckten Jüdinnen und Juden verraten und verhaftet. Nur Otto Frank überlebte den 2. Weltkrieg. Edith Frank starb Anfang 1945 in Auschwitz, Anne und Margot Frank im März 1945 im KZ Bergen-Belsen, nach entsetzlichem Leiden, wie eine mitgefangene Augenzeugin (Hannah Goslar) berichtet.
Hermann van Pels und Fritz Pfeffer kamen schon 1944 um. Peter van Pels starb wohl nur wenige Tage oder sogar Stunden vor der Befreiung des KZs Neuengamme.
Und seine Mutter, Auguste van Pels, eben heute vor 75 Jahren, am 09. April 1945, im KZ Raguhn (Buchenwald).

Es waren aber ja nicht nur die Franks und die van Pels, die diese unerträglich schrecklichen Schicksale von Verfolgung, Versteck und eben auch Ermordung unter furchtbaren Bedingungen erleben mussten, sondern Millionen von Menschen.

Was sind dagegen die Einschränkungen, die wir zur Zeit erleben!

Wie dankbar können wir sein für das, was wir haben. Einschließlich eines demokratischen Systems, in den wir leben. Und das die aktuellen Einschränkungen aus Fürsorge für seine Bürgerinnen und Bürger ergreift.

– Und dann Dietrich Bonhoeffer. Auch er starb am 09. April 1945, heute vor 75 Jahren.
Dietrich Bonhoeffer. Theologe und Mann des Widerstands gegen Hitler. Er wurde im KZ Flossenbürg hingerichtet. Ermordet. Zuvor war er am 05. April 1943 verhaftet worden. Er hatte in den Jahren zuvor sich der Vereinnahmung durch die „Deutschen Christen“ widersetzt, Studierenden Jesus Christus als Alternative zu der nationalsozialistischen Hass-Ideologie vermittelt, und gesagt: „Nur wer für die Juden schreit, darf gregorianich singen“.

Dietrich Bonhoeffer war als Gefangener des Regimes nicht alleine. Andere Menschen des Widerstands und weitere Gefangene teilten sein Schicksal. Der Freiheit beraubt, ausgesetzt dem Sadismus seiner Bewacher.

Welch eine andere Situation als die Einschränkungen, die wir jetzt auf Grund der SarsCoV2-Situation hinnehmen!

Was muss in Bonhoeffer und den anderen Gefangenen des Nazi-Regimes vorgegangen sein….

Dietrich Bonhoeffer hat auch in der für ihn so schweren Zeit an seinem Glauben, und an Jesus Christus als seinem Heiland, festgehalten. Noch am Tag seiner Ermordung hielt er einen Gottesdienst für seine Mitgefangenen.
Und als seine letzten Worte sind überliefert: „Das ist das Ende. Für mich aber der Beginn des Lebens“.

Und einige Monate zuvor, am 19. Dezember 1944, hat er einen Text geschrieben, den heute fast jeder kennt. Einen Text, der vielen Menschen in harten Zeiten Trost und Kraft gibt. Der ausdrückt, was ihm, Dietrich Bonhoeffer, Kraft und Trost gegeben hat. Aus dem Wissen um das Geborgensein bei Gott im Leben und im Sterben:

„Von guten Mächten treu und still umgeben, behütet und getröstet wunderbar, so will ich diese Tage mit euch leben und mit euch gehen in ein neues Jahr.

Noch will das alte unsre Herzen quälen, noch drückt uns böser Tage schwere Last. Ach Herr, gib unsern aufgeschreckten Seelen das Heil, für das du uns geschaffen hast.

Und reichst du uns den schweren Kelch, den bittern, des Leids, gefüllt bis an den höchsten Rand, so nehmen wir ihn dankbar ohne Zittern aus deiner guten und geliebten Hand.

Doch willst du uns noch einmal Freude schenken an dieser Welt und ihrer Sonne Glanz, dann wolln wir des Vergangenen gedenken, und dann gehört dir unser Leben ganz.

Lass warm und hell die Kerzen heute flammen, die du in unsre Dunkelheit gebracht, führ, wenn es sein kann, wieder uns zusammen. Wir wissen es, dein Licht scheint in der Nacht.

Wenn sich die Stille nun tief um uns breitet, so lass uns hören jenen vollen Klang der Welt, die unsichtbar sich um uns weitet, all deiner Kinder hohen Lobgesang.

Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag. Gott ist bei uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag.“

Auch Anne Frank konnte übrigens in ihrem Tagebuch aus dem Schrecklichen heraus noch hoffnungsvolle Gedanken finden:

„Ich sehe, wie die Welt allmählich in eine Wildnis verwandelt wird. Ich höre den nahenden Donner, der auch uns vernichten wird. Ich kann das Leiden von Millionen spüren. Und dennoch glaube ich, wenn ich zum Himmel blicke, dass alles in Ordnung gehen und auch diese Grausamkeit ein Ende finden wird. Dass wieder Ruhe und Frieden einkehren werden.“

In welch einer privilegierten Lebenssituation befinden wir alle uns doch, verglichen mit den Versteckten im Hinterhaus in Amsterdam oder mit Dietrich Bonhoeffer und seinen Mitgefangenen, und so vielen Anderen!

Lassen Sie uns doch auch dies an Ostern feiern! Jede und jeder da, wo sie oder er ist.

In Dankbarkeit dafür, daß Gottes gute Macht in Jesus Christus zu uns gekommen ist und durch Tod und Auferstehung unser Leben in guten und in schlechten Tagen, in unseren Häusern ebenso wie in unseren Kirchen, in seinen Händen hält.

Und dabei auch an die vielen Menschen denken, die heute weltweit in Not sind. Nicht nur an die an Covid19 erkrankten, nicht nur an die, die ihnen Nahestehende durch Covid19 verloren haben. Sondern auch an die, die auch heute wirklich un-erträgliche Einschränkungen erleiden müssen, durch Krieg, Hunger, Gewalt, Ausgrenzung, Verfolgung und Gefangenschaft (gerade auch auf Grund des Glaubens).

April 9, 2020 at 4:55 pm Hinterlasse einen Kommentar


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